Ein Erlebnis - Franz Grillparzer - Страница 1 из 7


(Aus dem Tagebuche.) 1822. 5. Mai. Gestern begegnete mir einer der
sonderbarsten Vorfälle in meinem Leben. Frau v. P., deren
Tochter, die ich gekannt, vor einiger Zeit gestorben ist,
läßt mich bitten, sie zu besuchen. Beinahe ein volles Jahr
vor dem Tode ihrer Tochter war ich aus ihrem Hause weggeblieben, teils
weil ich in dem dort herrschenden Tone etwas Gesuchtes zu bemerken
glaubte, teils weil ich fürchtete, es könne durch Zeit,
Gewohnheit und Gerede der Leute ein näheres Verhältnis
zwischen mir und der Tochter vom Hause, einem übrigens
höchst geistreichen, gebildeten, guten Mädchen, entstehen,
das, wenn auch nicht gerade schön, doch besonders durch ihren
über allen Ausdruck schönen Wuchs auch äußerliche
Vorzüge genug besaß, um eine solche Furcht nicht
ungegründet zu machen. Zu all dem gesellte sich noch meine alte
Menschen- oder vielmehr Gesellschaftsscheu, und kurz, ich blieb weg.
Nach einigen nur schwachen und bald ganz aufgegebenen Versuchen, mich
wieder in ihren Kreis zu ziehen, stellte sich auch die P.sche Familie
darüber zufrieden, und ich hatte alle Ursache zu glauben,
daß sie, mutatis mutandis, ebensowenig mehr an mich
dächten, als ich an sie. Verflossenen Winter höre ich
plötzlich, Marie P. sei schwer krank. Sie war mit ihrem Bruder
bei meinem Onkel S. auf dem Balle gewesen, hatte stark getanzt,
während ihr Bruder, der sich unwohl befand, unmäßig
Thee trank, um sich von dem starken Grimmen, das ihn plagte, zu


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