Erinnerungen aus dem Jahre 1848 - Franz Grillparzer - Страница 1 из 26


meine Erinnerungen aus dem Revolutionsjahr 48 niederschreiben. Da
tritt denn gleich von vornherein ein bedenklicher Unstern scheinbar
hindernd entgegen. Ich habe an jenen Begebenheiten durchaus keinen
Anteil genommen. Nicht allein, daß ich den Vorbereitungen und
dem Ausbruch fremd blieb, eine mit meiner innersten Natur verbundene
Empfindung hinderte mich sogar, den einzelnen Ereignissen Schritt
für Schritt zu folgen. Menschen, die sich ihr ganzes Leben mit
den reinen Verhältnissen der Kunst und Wissenschaft
beschäftigt haben, überfällt gegenüber der jede
Möglichkeit einer Berichtigung übersteigenden Verkehrtheit
leicht das Gefühl eines bis ins Innerste gehenden Ekels, und man
weiß wohl, daß der Ekel die entnervendste Stimmung des
menschlichen Wesens ist. Wer wird aber mit solchen Stimmungen sein
Betragen rechtfertigen? Warst du mit dem vormärzlichen Zustande
zufrieden? Hast du keine Aenderung gewünscht? Glaubst du,
daß der Mensch nicht Hand anlegen soll, um unleidliche,
nichtswürdige Verhältnisse zu verbessern? Alle diese Fragen
mit ja beantwortet, muß doch bei allem Praktischen auf die
Umstände Rücksicht genommen werden. Wäre der
östreichische Staat ein kompakter, von ein und demselben
Volksstamme bewohnter, oder wären diese Volksstämme von dem
Wunsche des Zusammengehörens und Zusammenbleibens beherrscht;
wäre die Richtung der Zeit eine solche gewesen, daß ein
vernünftiges Einhalten nach Erreichung vernünftiger Zwecke


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