Studien zum spanischen Theater - Franz Grillparzer - Страница 1 из 333


1. Lope de Vega Einleitende Betrachtungen
Enks Studien über Lope de Vega (1839) 1.
Was die dramatische Poesie der Spanier so verschieden von der
deutschen macht, ist der Charakter der beiden Völker. Der
Deutsche ist weich und sentimental. Er will die Poesie ins Leben
ziehen und sich mit der Wirklichkeit des Gedichtes schmeicheln. Daher
interessiert ihn im Drama die Auflösung mehr als die Verwicklung;
denn durch jene bekömmt diese erst einen realen Gehalt. Dem
Spanier dagegen ist das Schauspiel eben ein Spiel. Er gibt sich der
Verwicklung mit Anteil und Begeisterung hin, hat aber nichts dagegen,
ja liebt es vielmehr, wenn das Interesse aufs höchste gesteigert
und der Persönlichkeit des Zuschauers gewissermaßen Gewalt
angethan worden ist, durch eine abrupte Auflösung enttäuscht
und sich selbst wiedergegeben zu werden; daher selbst bei dem viel
konsequenteren Calderon, noch vor dem Fallen des Vorhanges, die
handelnden Personen als Schauspieler das Publikum anreden und mit
einem perdonen sus muchas faltas die Illusion zerstören. Dem
Deutschen ist die Poesie ein Haus, in dem er wohnen möchte; dem
Spanier ein Garten, in dem er sich ergeht. Das erstere scheint
poetischer, das letztere ist es. (Griechen: Chor, Tanz, Musik beim
Drama.) Die zweite Hauptverschiedenheit entsteht aus der
verschiedenen Geltung des Haupthebels der neueren Poesie, der Liebe.


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