Der Erbe - Friedrich Gerstäcker - Страница 1 из 745


1. Beim Frühstück.
»Mama, dieser Lieutenant von Wendelsheim tanzt wirklich
entzückend,« sagte Ottilie, als sie Morgens um zehn Uhr in
einem allerliebsten Negligé zur Mutter in's Zimmer trat, wo das
Kaffeeservice noch auf dem Tische stand. »Ich kann Dir
versichern, man fliegt ordentlich mit ihm über den Boden hin und
wird gar nicht einmal müde.« »Nun, mein
Kind,« erwiderte die Mutter, »ich kann Dir versichern,
daß ich wenigstens müde geworden bin.«
»Aber Du hast gar nicht getanzt, Mütterchen.«
»Das fehlte auch noch,« stöhnte die Frau; »das
Herumsitzen ist so schon arg genug – und nun auch noch diese
schreckliche Räthin Frühbach neben mir! Ich sage Dir, ich
habe meinem Schöpfer gedankt, als es drei Uhr schlug und wir mit
Ehren fort konnten.« »Arme Mama – und ich habe
mich so gut amüsirt!« »Junges Blut,«
nickte die Mutter; aber trink Deinen Kaffee, Kind; er steht schon eine
ganze Weile und wird sonst kalt.« Ottilie hatte sich neben
sie auf das Sopha gesetzt und trank; aber der kleine Fuß
klopfte unter dem Tische noch immer leise den Tact eines der erst vor
wenigen Stunden beendeten Tänze – ihre Gedanken waren noch
entschieden bei dem Balle! Und wer hätte es ihr verdenken wollen?
War sie doch kaum zwanzig Jahre alt, in der Blüthe ihrer Jugend,
und der Blick, der unter den langen Wimpern so glücklich


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