Die Fieberkurve - Friedrich Glauser - Страница 1 из 269


sagte Studer und hielt seinem Freunde Madelin ein Telegramm unter die
Nase. Vor dem Justizpalast war es finster, die Seine rieb sich
glucksend an den Quaimauern, und die nächste Laterne war einige
Meter weit entfernt. »das junge jakobli läßt den
alten jakob grüßen hedy«, entzifferte der
Kommissär, als er unter dem flackernden Gaslicht stand. Obwohl
Madelin vor Jahren an der Straßburger Sûreté
gearbeitet hatte und ihm darum das Deutsche nicht ganz fremd war,
machte es ihm doch Mühe, den Sinn des Satzes zu verstehen. So
fragte er: »Was soll das heißen,
Stüdère?« »Ich bin Großvater«,
antwortete Studer mürrisch. »Meine Tochter hat einen Sohn
bekommen.« »Das muß man feiern!«
beschloß Madelin. »Und außerdem trifft es sich
günstig. Denn heute hat mich ein Mann besucht, der mit dem
Halbelf-Uhr-Zug in die Schweiz reist und mich gebeten hat, ihn an
einen dortigen Kollegen zu empfehlen. Ich hab' ihn auf neun Uhr in
eine kleine Wirtschaft bei den ›Hallen‹ bestellt...
Jetzt ist es...«, mit seinen Händen, die in Wollhandschuhen
steckten, knöpfte Madelin seinen Überzieher auf, dessen
Kragen sich von seinem Halse abwölbte, zog eine alte Silberuhr
aus seiner Westentasche und stellte fest, daß es acht Uhr sei.
»Wir haben Zeit«, meinte er befriedigt. Und während
ihm die Bise seine ungeschützten Lippen zerriß, tat er
einen tiefsinnigen Ausspruch: »Wenn man alt wird, hat man immer


-10     пред. Страница 1 из 269 след.     +10