Die letzte Ehre - Hanns Theodor Wilhelm Freiherr von Gumppenberg - Страница 1 из 17


Seelenstudie Grau und fröstelnd lag die erste
Dämmerung des Junimorgens über der kleinen Bahnstation. Die
Sonne blinzte schon durch die schläfrigen Nebelschleier, als der
Zug hielt und Franz, seine steifen Glieder schüttelnd, auf den
menschenleeren Perron herabsprang. Er war auf dieser abgelegenen
Strecke der einzige Passagier gewesen: er und der tote Vater, den er
zur letzten Ruhestätte geleitete. Seine erste Aufmerksamkeit
galt dem Wagen, welcher außen mit einem großen Kreuze
bezeichnet war; derselbe war schon ausgehängt und auf das
Seitengeleise geschoben worden. Alles in Ordnung! Franz schritt zu dem
melancholisch zwischen ausländischen Ziersträuchern
wispernden Brunnen, hielt sein Taschentuch unter die Röhre und
wusch sich, den mit ehrenvollen Narben bedeckten Cylinder abnehmend,
Augen und Stirn: wie Feuer brannten sie ihm von den Aufregungen der
letzten Tage und der zweiten schlaflos durchräderten Nacht. Dann
trat er in die Expedition und erkundigte sich. Ein Telegramm
wurde ihm ausgehändigt: »Sende Wagen und Transportfuhrwerk
halb sieben – früher wegen des Festes unmöglich,
Vetter Max.« Also auch das in Ordnung. Was beginnen die
anderthalb Stunden lang? Auf dem Perron bleiben, bei dem Leichenwagen,
der starr, schwer und finster selbst wie ein großer Sarg auf den
Schienen lastete? Er hatte eine Angst bekommen vor diesen
schwarzumflorten Gedanken, schon heute Nacht, wie er dahinraste, das


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