Vom Fenster aus - Hanns Theodor Wilhelm Freiherr von Gumppenberg - Страница 1 из 6


weichgepolsterten Lehnstuhl, in dem er saß, an das offene
Fenster vorgerückt, links und rechts mühsam nachhelfend.
Marie, die Wärterin, war auf ein Stündchen fortgegangen,
Einkäufe für ihn zu machen. Bis sie wiederkam, mußte
er sich Alles allein besorgen. Aber die Maisonne schien gar zu lockend
dort vorne herein, und ein leiser Lufthauch brachte den
eigentümlich kräftigen Geruch frischer Blüten –
er wollte wissen, woher der stamme. Da saß er, und sah auf die
Straße hinaus. Richtig! Von den Kastanienbäumen! In voller
Purpurpracht schmückten sie schon die Promenade. Er hatte sie
nicht mehr gesehen, seit sie die ersten braunharzigen Blattknospen
trieben: es war ja wieder so schlecht mit ihm gegangen. Und nun war es
beinahe wieder Sommer geworden. Und dann würde es wieder Winter
werden, und wieder Frühling – wie lange noch? Vielleicht
noch lange – hatte er doch von seinem Vater außer dem
Krankheitskeim auch die Lebensfähigkeit geerbt und die Geldmittel
obendrein, seine Misere so lange hinauszudehnen, als es möglich
war. Sogar eine Reise nach dem Süden hätte er sich noch
erlauben können! Aber der Arzt hatte ja die Achseln gezuckt
– er könne nicht gutstehen, ob sein Patient die Anstrengung
und Aufregung der Übersiedelung aushielte: und da war er
geblieben. Warum? Er mußte lachen, und sein Lachen ging in den
bösen, atemraubenden Husten über. Woher all' diese
Ungereimtheit? Leben zu wollen, möglichst lange, ohne leben zu


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