Die schöne Kastellanin - Hans Grasberger - Страница 1 из 75


Spätherbstmorgen des Jahres 1849 rollte aus dem steirischen
Alpenorte Obdach ein leichtes Steirerwäglein die Straße
entlang – in die weite Welt. Darauf saßen zwei Knaben in
grauen Zeuggewändlein, wie es Bauernstudenten haben, wenn sie in
die »Studie« gehen. Der eine blickte mit seinen
braunen Augen, auf denen noch die Schatten des Abschiedes von daheim
lagen, gegen den Himmel und sagte nach einer Weile betrübt:
»Rudolf, es wird regnen!« »Hans, es wird nicht
regnen!« gab der andere zurück, »morgen ist Vollmond,
da regnet es nicht.« Und richtig war's. Als sie durch die
Engschlucht unter der Ruine Eppenstein ins breite Murtal hinauskamen,
löste sich der Nebel; als sie durch das alte Städtchen
Judenburg fuhren, zeigte der Himmel die ersten blauen Scharten; als
sie an der Felsenburg des streit- und sangeslustigen Ulrich von
Lichtenstein vorüberrollten, blaute das ganze Firmament in
herbstlicher Reine. So ging's zwischen den schönen Bergen dahin,
und als es abendlich wurde, sind die jungen Reisenden eingezogen in
das ehrwürdige Benediktinerstift zu St. Lambrecht. Daselbst waren
sie aufgenommen, um als Schüler den Wissenschaften der Welt
obzuliegen und als hellstimmige Chorknaben das Lob Gottes zu singen.
Der eine dieser Knaben hieß Rudolf Falb und ist
später der berühmte Erdbeben- und Wettermann geworden, der
andere Hans Grasberger, welcher sich im Laufe des Lebens den


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