Das Leben Michelangelos - Herman Grimm - Страница 1 из 1073


I Es gibt Namen, die etwas von einer Zauberformel in sich tragen.
Man spricht sie aus, und wie der Prinz in dem Märchen der Tausend
und eine Nacht, der das Wunderpferd bestieg und die magischen Worte
rief, fühlt man sich vom Boden der Erde in die Wolken steigen.
Nur »Athen!« – und was im Altertume an großen
Taten geschah, liegt wie ein plötzlicher Sonnenschein über
unserem Herzen. Nichts Bestimmtes, keine einzelnen Gestalten erblicken
wir, aber Wolkenzüge, aus herrlichen Männerscharen gebildet,
ziehen am Himmel hin, und ein Hauch berührt uns, der wie der
erste laue Wind im Jahre mitten in Schnee und Regen den Frühling
schon zu gewähren scheint. »Florenz!« – und die
Pracht und leidenschaftliche Bewegung der italienischen Blütezeit
duftet uns an wie volle blütenschwere Äste, aus deren
dämmernder Tiefe flüsternd die schöne Sprache redet.
Nun aber treten wir näher und wollen die Dinge deutlicher
betrachten, deren Sammlung mit einem Blicke überflogen die
Geschichte von Athen und von Florenz genannt wird. Da erkalten die
glühenden Bilder und werden trübe und nüchtern. Wie
überall gewahren wir auch hier den Kampf der gemeinen
Leidenschaften, das Märtyrertum und den Untergang der besten
Bürger, die dämonische Widersetzlichkeit der großen
Menge gegen das Reine und Erhabene und die energische
Uneigennützigkeit der edelsten Patrioten mißtrauisch
verkannt und hochmütig zurückgewiesen. Ärger, Wehmut


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