Eglantine - Jean Giraudoux - Страница 1 из 226


Eine Weile glaubte er noch nicht wach zu sein; der gesunde Schlaf der
Fontranges war sprichwörtlich. Ihr Schloß blieb wohl die
einzige Wohnstatt in Frankreich, wo der schlafende Herr ebenso
pünktlich bedient wurde, wie nachdem er erwacht war. In den
Häusern der Nachbarschaft, wenn sie dort zu Gast waren, gaben sie
dem Dunkel seinen Herrschaftsbereich und sein Gewicht, ja sogar seine
Akustik wieder; in ihrer Anwesenheit waren die Geräusche des
Abends und die der Morgenfrühe wieder zu vernehmen, und die
Dienerschaft brauchte die leisen Verrichtungen, das Rupfen der
Hühner, das Stutzen des Rasens oder jenes Glätten des Sandes
im Hofe, das beim Erwachen die Erde und auch das Gemüt so sanft
streichelt, nicht auf den Nachmittag zu verlegen. Wenn sie von ihren
Gastfreunden schieden, hatten sie die Nacht wieder schwarz gemalt;
sogar der Vater Fontranges', der allgemein als hart und
selbstsüchtig galt, ließ ausgeruhte Köpfe,
gerötete Backen, alle Wohltaten des Schlafes zurück.
Schlaflosigkeit hätte sie ebenso tief beunruhigt wie ein
Ohnmachtsanfall am Tage. Hatten sie in der Nacht einmal die Augen
geöffnet, so konnten sie sie nicht mehr von selbst
schließen, eine fremde Hand hätte denn ihre Lider wie
die eines Toten zudrücken müssen. Im Verlauf von vier
schlaflosen Nächten war es auch, daß der Vater Fontranges',
ein bis zum letzten Augenblick ganz robuster Mann, die Hilferufe
seiner am Tage ruhigen und unempfindlichen Leber vernahm, an der er


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