Der strenge Ehemann - Johann Christoph Gottsched - Страница 1 из 7


Achte, König in Frankreich, ... schickte einen vornehmen
Hofbedienten nach Deutschland, gewisse Reichsangelegenheiten zu
besorgen. Die Reise ward sehr geschwinde fortgesetzt, und der Gesandte
schonte sogar der Nacht nicht, den Befehl seines Herrn desto
schleuniger zu vollziehen. Einen Abend kam er ganz spät an das
Schloß eines Landjunkers, bei welchem er um Herberge bat. Es
kostete viel Mühe, ehe er eingelassen ward; doch da der Edelmann
hörte, daß es ein Bedienter seines Königs wäre,
kam er ihm entgegen und entschuldigte die Grobheit seiner Leute,
setzte aber hinzu, daß er um einiger übelgesinnten
Anverwandten halber von seiten seiner Ehegattin dergleichen
Vorsichtigkeit vonnöten hätte. Hierauf führte er den
Gast herein und nahm ihn mit aller möglichen Ehrenbezeigung auf.
Als es Essenszeit war, führte der Wirt diesen Fremden in einen
schönen tapezierten Saal. Man trug auf, und alsbald kam unter den
Tapeten das schönste Frauenzimmer von der Welt hervorgetreten,
aber mit einem kahlbeschornen Haupte und in einem nach deutscher
Manier gemachten schwarzen Trauerkleide. Man brachte das Handbecken,
und als der Gast und Wirt sich gewaschen hatten, reichte man es dieser
Dame, welche sich auch wusch und, ohne ein Wort zu sprechen, noch von
jemandem angeredet zu werden, sich am Ende des Tisches
niederließ. Der Fremde sah sie oft an und fand, daß sie
bei ihrer großen Schönheit doch sehr blaß und ganz


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