Die tugendhafte Charlotte - Johann Christoph Gottsched - Страница 1 из 16


einer der besten Städte, so in der französischen Provinz
Touraine liegen, war ein junger Prinz, aus einem sehr guten
Geschlecht, von Jugend auf erzogen worden. Von der guten Gestalt,
Anmut und Artigkeit und andern Vollkommenheiten desselben darf man
nichts mehr sagen, als daß er damals seinesgleichen nicht
gehabt. In seinem fünfzehnten und sechzehnten Jahre war die Jagd
sein bester Zeitvertreib; so gar, daß er Hunde, Pferde und wilde
Tiere weit lieber als das schönste Weibesbild von der Welt ansah.
So brachte er seine Zeit zu, bis er ungefähr eines Frauenzimmers
ansichtig ward, die vormals in seinem Schlosse erzogen worden, aber
nach dem Tode ihrer Mutter, nebst ihrem Vater und Bruder, in eine
andre angrenzende Landschaft gewichen und daselbst völlig
erwachsen war, Charlotte, so hieß diese Jungfer, hatte eine
uneheliche Halbschwester, die ihr Vater überaus geliebt und an
einen Küchenschreiber des oberwähnten Prinzen verheiratet
hatte. Sobald ihr Vater gestorben war, fiel ihr das
wenigeVermögen zu, was derselbe in der vorhin gedachten Stadt
besessen, und sie begab sich nach seinem Tode wieder dahin, wo ihre
Güter lagen. Es war nicht ratsam, daß sie als ein junges
wohlgebildetes Frauenzimmer, welches schon imstande war zu heiraten,
in einem eigenen Hause allein wohnen sollte; derowegen begab sie sich
zu ihrer Schwester, der Küchenschreiberin, ins Haus, als zu
welcher sie ein gutes Vertrauen hatte. Der Prinz sah nun, wie gedacht,


-10     пред. Страница 1 из 16 след.     +10