Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, Band 2 - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 634


Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe – Zweiter Band
Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1881
1798 396. An Goethe. Jena den 2.
Januar 1798. Es soll mir ein gutes Omen sein, daß Sie es
sind, an den ich zum erstenmal unter dem neuen Datum schreibe. Das
Glück sei Ihnen in diesem Jahre eben so hold als in den zwei
letzt vergangenen, ich kann Ihnen nichts beßres wünschen.
Möchte auch mir die Freude in diesem Jahre beschert sein, das
beste aus meiner Natur in einem Werke zu sublimiren, wie Sie mit der
Ihrigen es gethan. Ihre eigene Art und Weise zwischen Reflexion
und Produktion zu alterniren ist wirklich beneidens- und
bewundernswerth. Beide Geschäfte trennen sich in Ihnen ganz, und
das eben macht, daß beide als Geschäft so rein
ausgeführt werden. Sie sind wirklich so lang Sie arbeiten im
Dunkeln und das Licht ist bloß in Ihnen: und wenn Sie anfangen
zu reflectiren, so tritt das innere Licht von Ihnen heraus und
bestrahlt die Gegenstände Ihnen und Andern. Bei mir vermischen
sich beide Wirkungsarten und nicht sehr zum Vortheil der Sache.
Von Hermann und Dorothea las ich kürzlich eine Recension in der
Nürnberger Zeitung, welche mir wieder bestätigt, daß
die Deutschen nur fürs allgemeine, fürs verständige und
fürs moralische Sinn haben. Die Beurtheilung ist voll guten
Willens, aber auch nicht etwas darin, was ein Gefühl des


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