Der Mann von funfzig Jahren - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 83


Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre (Geschrieben
1807/08) Der Major war in den Gutshof hereingeritten, und Hilarie,
seine Nichte, stand schon, um ihn zu empfangen, außen auf der
Treppe, die zum Schloß hinaufführte. Kaum erkannte er sie;
denn schon war sie wieder größer und schöner geworden.
Sie flog ihm entgegen, er drückte sie an seine Brust mit dem Sinn
eines Vaters, und sie eilten hinauf zu ihrer Mutter. Der Baronin,
seiner Schwester, war er gleichfalls willkommen, und als Hilarie
schnell hinwegging, das Frühstück zu bereiten, sagte der
Major freudig: »Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen,
daß unser Geschäft beendigt ist. Unser Bruder, der
Obermarschall, sieht wohl ein, daß er weder mit Pächtern
noch Verwaltern zurechtkommt. Er tritt bei seinen Lebzeiten die
Güter uns und unsern Kindern ab; das Jahrgehalt, das er sich
ausbedingt, ist freilich stark; aber wir können es ihm immer
geben: wir gewinnen doch noch für die Gegenwart viel und für
die Zukunft alles. Die neue Einrichtung soll bald in Ordnung sein. Da
ich zunächst meinen Abschied erwarte, so sehe ich doch wieder ein
tätiges Leben vor mir, das uns und den Unsrigen einen
entschiedenen Vorteil bringen kann. Wir sehen ruhig zu, wie unsre
Kinder emporwachsen, und es hängt von uns, von ihnen ab, ihre
Verbindung zu beschleunigen.« »Das wäre alles
recht gut«, sagte die Baronin, »wenn ich dir nur nicht ein


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