Der neue Paris - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 21


Knabenmärchen aus Dichtung und Wahrheit (1811) Mir
träumte neulich in der Nacht vor Pfingstsonntag, als stünde
ich vor einem Spiegel und beschäftigte mich mit den neuen
Sommerkleidern, welche mir die lieben Eltern auf das Fest hatten
machen lassen. Der Anzug bestand, wie ihr wißt, in Schuhen von
sauberem Leder, mit großen silbernen Schnallen, feinen
baumwollnen Strümpfen, schwarzen Unterkleidern von Sarsche, und
einem Rock von grünem Berkan mit goldnen Balletten. Die Weste
dazu, von Goldstoff, war aus meines Vaters Bräutigamsweste
geschnitten. Ich war frisiert und gepudert, die Locken standen mir wie
Flügelchen vom Kopfe; aber ich konnte mit dem Anziehen nicht
fertig werden, weil ich immer die Kleidungsstücke verwechselte,
und weil mir immer das erste vom Leibe fiel, wenn ich das zweite
umzunehmen gedachte. In dieser großen Verlegenheit trat ein
junger schöner Mann zu mir und begrüßte mich aufs
freundlichste. »Ei, seid mir willkommen!« sagte ich,
»es ist mir ja gar lieb, daß ich Euch hier sehe.«
– »Kennt Ihr mich denn?« versetzte jener
lächelnd. – »Warum nicht?« war meine
gleichfalls lächelnde Antwort. »Ihr seid Merkur, und ich
habe Euch oft genug abgebildet gesehen.« – »Das bin
ich«, sagte jener, »und von den Göttern mit einem
wichtigen Auftrag an dich gesandt. Siehst du diese drei
Äpfel?« – Er reichte seine Hand her und zeigte mir
drei Äpfel, die sie kaum fassen konnte, und die ebenso wundersam


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