Die Geschichte von Mignons Eltern - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 20


Eltern Erzählung aus Wilhelm Meisters Lehrjahre (1796)
»Meinen Vater«, sagte der Marchese, »muß ich,
so viel Welt ich auch gesehen habe, immer für einen der
wunderbarsten Menschen halten. Sein Charakter war edel und gerade,
seine Ideen weit, und man darf sagen groß; er war streng gegen
sich selbst; in allen seinen Planen fand man eine unbestechliche
Folge, an allen seinen Handlungen eine ununterbrochene
Schrittmäßigkeit. So gut sich daher von einer Seite mit ihm
umgehen und ein Geschäft verhandeln ließ, so wenig konnte
er um eben dieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er
vom Staate, von seinen Nachbarn, von Kindern und Gesinde die
Beobachtung aller der Gesetze forderte, die er sich selbst auferlegt
hatte. Seine mäßigsten Forderungen wurden übertrieben
durch seine Strenge, und er konnte nie zum Genuß gelangen, weil
nichts auf die Weise entstand, wie er sich's gedacht hatte. Ich habe
ihn in dem Augenblicke, da er einen Palast bauete, einen Garten
anlegte, ein großes neues Gut in der schönsten Lage erwarb,
innerlich mit dem ernstesten Ingrimm überzeugt gesehen, das
Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu dulden. In
seinem Äußerlichen beobachtete er die größte
Würde; wenn er scherzte, zeigte er nur die Überlegenheit
seines Verstandes; es war ihm unerträglich, getadelt zu werden,
und ich habe ihn nur einmal in meinem Leben ganz außer aller
Fassung gesehen, da er hörte, daß man von einer seiner


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