Die Geschwister - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 23


Schauspiel in einem Akt Personen: Wilhelm, ein Kaufmann
Marianne, seine Schwester Fabrice Briefträger
Wilhelm (an einem Pult mit Handelsbüchern und Papieren) .
Diese Woche wieder zwei neue Kunden! Wenn man sich rührt, gibt's
doch immer etwas; sollt' es auch nur wenig sein, am Ende summiert
sich's doch, und wer klein Spiel spielt, hat immer Freude, auch am
kleinen Gewinn, und der kleine Verlust ist zu verschmerzen. Was
gibt's? (Briefträger kommt.) Briefträger . Einen
beschwerten Brief, zwanzig Dukaten, franko halb. Wilhelm . Gut!
sehr gut! Notier Er mir's zum übrigen. (Briefträger ab.)
Wilhelm (den Brief ansehend) . Ich wollte mir heute den ganzen
Tag nicht sagen, daß ich sie erwartete. Nun kann ich Fabricen
gerade bezahlen und mißbrauche seine Gutheit nicht weiter.
Gestern sagte er mir: Morgen komm' ich zu dir! Es war mir nicht recht.
Ich wußte, daß er mich nicht mahnen würde, und so
mahnt mich seine Gegenwart just doppelt. (Indem der die Schatulle
aufmacht und zählt) . In vorigen Zeiten, wo ich ein bißchen
bunter wirtschaftete, konnt' ich die stillen Gläubiger am
wenigsten leiden. Gegen einen, der mich überläuft, belagert,
gegen den gilt Unverschämtheit und alles, was dran hängt;
der andere, der schweigt, geht gerade ans Herz und fordert am
dringendsten, da er mir sein Anliegen überläßt. (Er
legt Geld zusammen auf den Tisch.) Lieber Gott, wie dank' ich dir,


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