Die Leiden des jungen Werther - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 166


nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und
lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir's danken
werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter eure
Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Tränen nicht
versagen.
Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er,
schöpfe Trost aus seinem Leiden, und laß das Büchlein
deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen
näheren finden kannst. Am 4. Mai 1771 Wie froh bin ich,
daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen!
Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war,
und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir's. Waren nicht
meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein
Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war
ich unschuldig. Konnt' ich dafür, daß, während die
eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung
verschafften, daß eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich
bildete? Und doch – bin ich ganz unschuldig? Hab' ich nicht ihre
Empfindungen genährt? Hab' ich mich nicht an den ganz wahren
Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so wenig
lächerlich sie waren, selbst ergetzt? Hab' ich nicht – o
was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf! Ich will,
lieber Freund, ich verspreche dir's, ich will mich bessern, will nicht
mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt,


-10     пред. Страница 1 из 166 след.     +10