Die Sängerin Antonelli - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 15


Erzählung aus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (1795)
»Als ich mich in Neapel aufhielt, begegnete daselbst eine
Geschichte, die großes Aufsehen erregte und worüber die
Urteile sehr verschieden waren. Die einen behaupteten, sie sei
völlig ersonnen, die andern, sie sei wahr, aber es stecke ein
Betrug dahinter. Diese Partei war wieder untereinander selbst uneinig;
sie stritten, wer dabei betrogen haben könnte. Noch andere
behaupteten, es sei keineswegs ausgemacht, daß geistige Naturen
nicht sollten auf Elemente und Körper wirken können, und man
müsse nicht jede wunderbare Begebenheit ausschließlich
entweder für Lüge oder Trug erklären. Nun zur
Geschichte selbst! Eine Sängerin, Antonelli genannt, war zu
meiner Zeit der Liebling des neapolitanischen Publikums. In der
Blüte ihrer Jahre, ihrer Figur, ihrer Talente fehlte ihr nichts,
wodurch ein Frauenzimmer die Menge reizt und lockt und eine kleine
Anzahl Freunde entzückt und glücklich macht. Sie war nicht
unempfindlich gegen Lob und Liebe; allein von Natur mäßig
und verständig, wußte sie die Freuden zu genießen,
die beide gewähren, ohne dabei aus der Fassung zu kommen, die ihr
in ihrer Lage so nötig war. Alle jungen, vornehmen, reichen Leute
drängten sich zu ihr, nur wenige nahm sie auf; und wenn sie bei
der Wahl ihrer Liebhaber meist ihren Augen und ihrem Herzen folgte, so
zeigte sie doch bei allen kleinen Abenteuern einen festen, sichern


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