Die gefährliche Wette - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 7


Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre (Geschrieben
1807/08) Es ist bekannt, daß die Menschen, sobald es ihnen
einigermaßen wohl und nach ihrem Sinne geht, alsobald nicht
wissen, was sie vor Übermut anfangen sollen; und so hatten denn
auch mutwillige Studenten die Gewohnheit, während der Ferien
scharenweis das Land zu durchziehen und nach ihrer Art Suiten zu
reißen, welche freilich nicht immer die besten Folgen hatten.
Sie waren gar verschiedener Art, wie sie das Burschenleben
zusammenführt und bindet. Ungleich von Geburt und Wohlhabenheit,
Geist und Bildung, aber alle gesellig in einem heitern Sinne
miteinander sich fortbewegend und treibend. Mich aber wählten sie
oft zum Gesellen: denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer von
ihnen, so mußten sie mir denn auch den Ehrentitel eines
großen Suitiers erteilen, und zwar hauptsächlich deshalb,
weil ich seltener, aber desto kräftiger meine Possen trieb, wovon
denn folgendes ein Zeugnis geben mag. Wir hatten auf unseren
Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht, das bei einer
abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und in großer
Einsamkeit ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte.
Man wollte ausruhen, die Zeit verschleudern, verliebeln, eine Welle
wohlfeiler leben und deshalb desto mehr Geld vergeuden. Es war
gerade nach Tisch, als einige sich im erhöhten, andere im
erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren


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