Die neue Melusine - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 32


Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre (Geschrieben
1807/1808) Hochverehrte Herren! Da mir bekannt ist, daß Sie
vorläufige Reden und Einleitungen nicht besonders lieben, so will
ich ohne weiteres versichern, daß ich diesmal vorzüglich
gut zu bestehen hoffe. Von mir sind zwar schon gar manche wahrhafte
Geschichten zu hoher und allseitiger Zufriedenheit ausgegangen, heute
aber darf ich sagen, daß ich eine zu erzählen habe, welche
die bisherigen weit übertrifft und die, wiewohl sie mir schon vor
einigen Jahren begegnet ist, mich noch immer in der Erinnerung unruhig
macht, ja sogar eine endliche Entwicklung hoffen läßt. Sie
möchte schwerlich ihresgleichen finden. Vorerst sei
gestanden, daß ich meinen Lebenswandel nicht immer so
eingerichtet, um der nächsten Zeit, ja des nächsten Tages
ganz sicher zu sein. Ich war in meiner Jugend kein guter Wirt und fand
mich oft in mancherlei Verlegenheit. Einst nahm ich mir eine Reise
vor, die mir guten Gewinn verschaffen sollte; aber ich machte meinen
Zuschnitt ein wenig zu groß, und nachdem ich sie mit Extrapost
angefangen und sodann auf der ordinären eine Zeitlang fortgesetzt
hatte, fand ich mich zuletzt genötigt, dem Ende derselben zu
Fuße entgegenzugehen. Als ein lebhafter Bursche hatte ich
von jeher die Gewohnheit, sobald ich in ein Wirtshaus kam, mich nach
der Wirtin oder auch nach der Köchin umzusehen und mich
schmeichlerisch gegen sie zu bezeigen, wodurch denn meine Zeche


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