Die pilgernde Törin - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 19


Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre (Geschrieben
1807/08) Herr von Revanne, ein reicher Privatmann, besitzt die
schönsten Ländereien seiner Provinz. Nebst Sohn und
Schwester bewohnt er ein Schloß, das eines Fürsten
würdig wäre; und in der Tat, wenn sein Park, seine Wasser,
seine Pachtungen, seine Manufakturen, sein Hauswesen auf sechs Meilen
umher die Hälfte der Einwohner ernähren, so ist er durch
sein Ansehn und durch das Gute, das er stiftet, wirklich ein
Fürst. Vor einigen Jahren spazierte er an den Mauern seines
Parks hin auf der Heerstraße, und ihm gefiel, in einem
Lustwäldchen auszuruhen, wo der Reisende gern verweilt.
Hochstämmige Bäume ragen über junges, dichtes
Gebüsch; man ist vor Wind und Sonne geschützt; ein sauber
gefaßter Brunnen sendet sein Wasser über Wurzeln, Steine
und Rasen. Der Spazierende hatte wie gewöhnlich Buch und Flinte
bei sich. Nun versuchte er zu lesen, öfters durch Gesang der
Vögel, manchmal durch Wanderschritte angenehm abgezogen und
zerstreut. Ein schöner Morgen war im Vorrücken, als jung
und liebenswürdig ein Frauenzimmer sich gegen ihn her bewegte.
Sie verließ die Straße, indem sie sich Ruhe und Erquickung
an dem frischen Orte zu versprechen schien, wo er sich befand. Sein
Buch fiel ihm aus den Händen, überrascht wie er war. Die
Pilgerin mit den schönsten Augen von der Welt und einem Gesicht,
durch Bewegung angenehm belebt, zeichnete sich an Körperbau, Gang


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