Die wunderlichen Nachbarskinder - Johann Wolfgang von Goethe - Страница 1 из 11


Novelle aus Die Wahlverwandtschaften (1809) Zwei
Nachbarskinder von bedeutenden Häusern, Knabe und Mädchen,
in verhältnismäßigem Alter, um dereinst Gatten zu
werden, ließ man in dieser angenehmen Aussicht miteinander
aufwachsen, und die beiderseitigen Eltern freuten sich einer
künftigen Verbindung. Doch man bemerkte gar bald, daß die
Absicht zu mißlingen schien, indem sich zwischen den beiden
trefflichen Naturen ein sonderbarer Widerwille hervortat. Vielleicht
waren sie einander zu ähnlich. Beide in sich selbst gewendet,
deutlich in ihrem Wollen, fest in ihren Vorsätzen; jedes einzeln
geliebt und geehrt von seinen Gespielen; immer Widersacher, wenn sie
zusammen waren, immer aufbauend für sich allein, immer
wechselsweise zerstörend, wo sie sich begegneten, nicht
wetteifernd nach einem Ziel, aber immer kämpfend um einen Zweck;
gutartig durchaus und liebenswürdig und nur hassend, ja
bösartig, indem sie sich aufeinander bezogen. Dieses
wunderliche Verhältnis zeigte sich schon bei kindischen Spielen,
es zeigte sich bei zunehmenden Jahren. Und wie die Knaben Krieg zu
spielen, sich in Parteien zu sondern, einander Schlachten zu liefern
pflegen, so stellte sich das trotzig mutige Mädchen einst an die
Spitze des einen Heers und focht gegen das andre mit solcher Gewalt
und Erbitterung, daß dieses schimpflich wäre in die Flucht
geschlagen worden, wenn ihr einzelner Widersacher sich nicht sehr brav


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