Der goldene Zweig - Karl Adolph Gjellerup - Страница 1 из 294


winterndem Frost manchmal in den Wäldern die Mistel
Grünt mit erneuetem Laub, das nicht ihr eigener Stamm
sä't,
Und hochrotes Gewächs um die rundlichen Äste
herumschlingt:
Also war das Gebild von dem goldenen Sproß an der
dunkeln
Steineich'. –
Vergilius Änëis VI 205 ff. Erstes Kapitel
Dianas Tempel und ihr Spiegel Der Tempelgiebel, von starken
dorischen Säulen getragen, leuchtet hell und warm zwischen den
Zypressen hervor, die zu beiden Seiten Wache halten. Hoch oben
über ihm, aus gelblodernden Ginstersträuchern und niedrigem
Bergwald emporstrebend, spannt eine Pinie mittels geschnörkelten
Geästes ihren dunkeln Nadelschirm aus gegen die seligtiefe
Bläue des sommerlichen Mittagshimmels. Ein Olivenhain steigt
seewärts hinunter. Ein unentwirrbares Durcheinander von
Bäumen. Viele drehen sich gleich schlanken Dryadengestalten in
schwebender Tanzstellung und reichen mit ausgestreckten Armen einander
die blätterfingerigen Hände; unten gespalten, treten andere
mit gespreizten Beinen den feierlichen Reigen. Knorrig, verwachsen,
mit verrenkten Gliedern purzeln gnomenartige Gebilde vorwärts.
Einige winden sich schlangenhaft in die Höhe; und es sind welche
da, die mit geschwollenen, warzigen Drachenleibern sich
bäuchlings hinwälzen oder wie in jähem Schrecken sich
rückwärts emporbäumen. Überall aber in diesem
Wirrsal von Stämmen und Ästen eines verzauberten


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