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Jahrhunderte (1836) Eine kritische Verteidigung I.
Durch Erfahrungstatsachen die Kunst zu tyrannisieren, waren die
Griechen so weit entfernt, daß sie weit eher von der Kunst ihr
Leben, ihre Sitte und Religion beherrschen ließen. Erst die
Römer waren es, welche an die Literatur heterogene
Maßstäbe legten und für die Kunstkritik praktische
Zwecke einführten. Cicero war es, der mit seiner
zusammengelesenen tuskulanischen Weisheit gegen die Schilderung des
Schmerzes polemisierte, und durch den Philoktet des Sophokles zu
beweisen suchte, daß die Dichter das Volk entnerven, wenn sie
Heroen klagend aufführen. Cicero glaubte, daß man die
Römer zu Gladiatoren bilden müßte, die freilich
dadurch beleidigten (da sie bezahlt waren), daß sie in dem
Schmerze ihrer Wunden stöhnten und eine Empfindung hätten
rege machen können, welche die Zuschauer rührte. Cicero
würde demnach keinen Anstand genommen haben, mit seiner stoischen
Voraussetzung die rhetorischen Deklamationsdramen, welche später
unter dem Namen eines Seneca liefen, dem gefesselten Prometheus und
dem Philoktet vorzuziehen; denn, wie Lessing sagte, dieser schlechte
Philosoph hielt das Theater für eine Arena, und für etwas
Unmännliches, wenn Helden Gefühl zeigen, ihre Schmerzen
äußern und die bloße Natur in sich wirken lassen.
Lessing fügte hinzu, daß in Helden das Menschliche
schildern das Höchste wäre, was die Weisheit hervorbringen


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