Die Kurstauben - Karl Gutzkow - Страница 1 из 48


Lea – oder wie sie gewöhnlicher genannt wurde, Leontine
Simonis – war eine reiche, liebenswürdige junge Jüdin.
Klein nur von Gestalt, fesselte sie um so lebhafter durch die
Zierlichkeit ihrer Formen und vorzugsweise durch die Anmut ihrer
lächelnden Gesichtszüge. Frisch von Farbe hoben sich die
lieblich gerundeten Wangen. Die Nase war von seltenem Ebenmaß
und wie beim Profil einer Griechin mit der kleinen gedankenvollen
Stirn in eine Linie verbunden. Vom germanischen Stamm waren Leontinens
Augen: blau, schwärmerisch, romantisch. Die Zähne untadelig
und das Haar von einer Fülle, daß der schöne Schmuck,
aufgelöst, die Knie hätte erreichen können. Es gab in
der Residenz Gestalten von einer beim ersten Anblick eindrucksvolleren
Schönheit, Musterbilder des Wuchses und Ebenmaßes der
Formen, wenige von Leontinens einschmeichelndem Zauber im
Gesamteindruck. Und sie hatte auch den Namen dafür. Die
junge Männerwelt streifte am sogenannten Hohen Graben, dem
Quartier der Bankiers, vor den Fenstern der »schönen
Simonis«, wie man sie nannte, mit allen Ausdrücken
derjenigen Huldigung vorüber, die nur für ein junges
Mädchen, das meist unter hohen tropischen Pflanzen am Fenster
stickte oder las, im Aufblick gesunder oder in der Schärfung
schwacher Augen durch vorwitzige Lorgnetten liegen kann. Dies
war Leontinens äußere Erscheinung. Nach ihrem Innern war
sie Schwärmerin. Sie übte zuvörderst nur melancholische


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