Die realistischen Erzähler - Karl Gutzkow - Страница 1 из 10


Es ist eine seltsame Erscheinung, daß die neuere deutsche
Literatur vorzugsweise einen Überhang zur Erzählung erhalten
hat. Was ist jetzt die Erzählung? Ist sie noch der
glorreiche, bunte, abenteuervolle Roman wie »Tristan und
Isolde«? Setzt dieser noch immer seinen Hauptwert in
Schilderungen der Leidenschaften, in Kämpfe der Tugend wie
Clarisse Harlowe und Werther? Schwelgt er noch in Abendröten und
Mondscheindämmerungen, in unsagbaren Gefühlen wie Titan und
Hesperus? Er ist mehr – er ist weniger. Mehr; denn fast
ist er das alleinige, breite Schlachtfeld geworden, wo alle Gedanken
und Anschauungen der Zeit zusammenstoßen, bekämpft,
ausgetauscht werden; in seinen Gestalten drängen sich ganze
Generationen ganze Volksklassen und zugleich Geschmacksrichtungen
zusammen. Weniger; denn er hat damit seine Geschlossenheit verloren,
er ist »schlußlos« geworden. Über sein Ende
hinaus reichen die Fäden, die er gesponnen, weit hinaus in die
Zukunft der Zeiten; die Fragen, die er angeregt, bleiben, wie das
Rätsel der Sphinx, ungelöst im Geiste des Lesers, weil sie
selbst im Gedicht nur eine scheinbare Lösung fanden. Man hat
daher gesagt: Lassen wir die Ideale, die großen Bestrebungen der
Zeit, retten wir uns in die Wirklichkeit, die sich mit unsern
leiblichen Augen sehen, mit unsern Händen greifen
läßt! Setzen wir den ätherischen Gestalten der
Tee-Romantik unsere Bauernmädchen, den träumerischen


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