Briefe - Band 1 - Katharina Elisabetha Goethe - Страница 1 из 378


o Mutter!
        Dich zu preisen, o glaub's, bin ich
zu arm und zu reich.
Ein noch ungesungenes Lied ruhst du mir im Busen,
        Keinem vernehmbar sonst, mich nur
zu trösten bestimmt,
Wenn sich das Herz unmutig der Welt abwendet und einsam
        Seines himmlischen Teils bleibenden
Frieden bedenkt. Mit diesen Worten lehnt Eduard Mörike es ab,
die eigene Mutter in Liedern zu verherrlichen. Er hat damit allen
unsern Lyrikern das Wort geredet; denn kein Dichter vermag es, den
Schoß, der ihn getragen, würdig zu besingen. Auch der
größte unter ihnen hüllt sich in keusches Schweigen,
so oft er der innigsten Beziehungen zu seinem Vaterhaus gedenkt. Bei
dem Mutternamen verstummt auch Goethe. Wohl wandelt die Frau Rat in
Verkleidung und Verklärung durch seine Dichtungen; als
Götzens Hausfrau, als Hermanns Mutter können wir sie
wiedererkennen. Aber kein Lied ist ihr gewidmet, und selbst in
»Dichtung und Wahrheit« keine Schilderung. Schon der
Leipziger Student, der mit aller Welt wortreich korrespondiert,
läßt sein verhaltenes und verborgenes Gefühl lieber
mißdeuten, als daß er es zu Papier brächte. Er macht
die Schwester zum Dolmetsch seines Empfindens: Grüß'
mir die Mutter, sprich, sie soll verzeih'n,
Daß ich sie niemals grüßen ließ, sag'
ihr
Das, was sie weiß, – daß ich sie ehre.
Wären wir also auf des Sohnes Mitteilungen angewiesen, wir


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