Altdeutsche Novellen, Band 1 - Leo Greiner - Страница 1 из 172


»Altdeutsche Novellen« rechtfertigt sich durch seine
Allgemeinheit, obgleich in den folgenden Dichtungen die
ästhetische Grenze der Novelle vielfach überschritten wird.
Zuweilen erweitert sie sich zu der dem deutschen Geiste sichtlich tief
entsprechenden Form der Erzählung: So erscheint die Geschichte
der Magelone hier in einer wenig gangbaren Fassung (Der Bussard), der
Genovevastoff in einer besonders schönen, weniger dramatischen,
aber um so reicheren und reineren Verarbeitung (Crescentia), das Thema
zum »König Lear« ins Bürgerliche übersetzt,
wodurch es zwar an tragischer Fallhöhe verliert, die Handlung
sich aber um so leichter und natürlicher aus den
Verhältnissen entwickelt (Der Schlegel), während die Motive
zu der »Widerspenstigen Zähmung« in einer sehr
eindringlichen Formulierung in der Doppelnovelle »Wie man Frauen
zieht« für den späteren Bearbeiter vorbereitet liegen.
Manchmal erreicht die Dichtung den Bereich der Novelle überhaupt
nicht ganz und verengt sich dann zur Anekdote, manchmal wieder
rückt sie deutlich in die Nähe der Ballade wie in dem
weiten, trümmervollen Gedicht vom Sohne des Meiers Helmbrecht.
Daneben stehen Legenden und Fabeln als mehr abseitige Spielarten.
Sämtliche Geschichten sind von ihren ursprünglichen
Verfassern in Versen bearbeitet worden. Dennoch empfahl sich die
Nacherzählung in Prosa schon aus äußerlich formalen
Gründen: der Übersetzer hätte sonst all' die Nöte


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