Altdeutsche Novellen, Band 2 - Leo Greiner - Страница 1 из 153


Die Hochzeit zu Aachen Ehe Karl der Große seinen
Bekehrungsfeldzug gegen die Ungarn unternahm, der ihn bis weit in die
Walachei und in die Nähe des Meeres führte, beschied er
seine Gemahlin, indem er ihr einen Ring zeigte: wer immer ihr diesen
als Wahrzeichen überbrächte, dem möge sie Glauben
schenken. Wenn er aber länger als zehn Jahre fortbleiben
würde, so möge sie wissen, daß er unterwegs elend ums
Leben gekommen sei. Nun waren schon neun von den zehn Jahren ins
Land gegangen und er weilte immer noch in dem fernen Ungarn. Darob
begann man zu Aachen am Rhein ihn wegen seines langen Fortbleibens zu
schmähen. Raub und Brand erhob sich in allen seinen Ländern,
zur Sorge seiner Getreuen, die nun nicht länger zuwarten
wollten und sich geradewegs zur Königin begaben.
»Herrin«, sprachen sie, »seit unser Land keinen
Herrn mehr hat, geht alles drunter und drüber. Darum wollen wir
Euch bitten, einen guten Fürsten zum Gemahl zu nehmen, daß
er das Reich beschütze. Unser Herr ist sicherlich tot. Denn ohne
so gewaltige Nötigung hätte er Euch längst schon
Botschaft gesendet.« Da entgegnete die Fürstin: »So
würd' ich von ihm in Schande gestoßen, wenn König Karl
zurückkommt in sein Land, und elend getötet. Von dem
Wahrzeichen, das er mir beim Abschied wies, habe ich nie etwas
vernommen, noch ward es je an mich zurück gesandt. Darum
wäre dies treulos gehandelt um seinet- und um Gottes


-10     пред. Страница 1 из 153 след.     +10