Lieder zweier Liebenden - Leopold Friedrich Günther von Goeckingk - Страница 1 из 16


zweier Liebenden     Phaidon-Verlag
Stuttgart
(1924)     Nantchen
Nach dem ersten nächtlichen Besuche
        Bin ich nüchtern, bin ich
trunken?
Wach ich, oder träum ich nur?
Bin ich aus der Welt gesunken?
Bin ich anderer Natur?
Fühlt' ein Mädchen schon so was?
Wie begreif ich alles das? Weiß ich, daß
die Rosen blühen?
Hör ich jene Raben schrein?
Fühl ich, wie die Wangen glühen?
Schmeck ich einen Tropfen Wein?
Seh ich dieses Morgenrot? –
Tot sind alle Sinnen, tot! Alle seid ihr denn
gestillet?
Alle? Habet alle Dank!
Könnt ich so in mich gehüllet,
Ohne Speis und ohne Trank,
Nur so sitzen Tag für Tag
Bis zum letzten Herzensschlag. In die Nacht der
Freude fliehet
Meine Seele wieder hin!
Hört und schmeckt, und fühlt und siehet
Mit dem feinen innren Sinn!
O Gedächtnis! schon in dir
Liegt ein ganzer Himmel mir! Worte, wie sie
abgerissen
Kaum ein Seufzer von ihm stieß,
Hör ich wieder, fühl ihn küssen:
Welche Sprache sagt, wie süß?
Seh ein Tränchen – Komm herab!
Meine Lippe küßt dich ab! Wie ich noch
so vor ihm stehe,


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