Bergheimat - Ludwig Ganghofer - Страница 1 из 230


Kurzgeschichten und Novellen Der Schuß in der
Nacht Kaum einen Büchsenschuß vom Waldsaum stand das
Haus meiner Eltern – das Forsthaus. Oh, ihr allzu nahen
Bäume! Wie manche Portion wohlgesalzener Hiebe habt ihr mir
eingetragen! Wenn ich da, ein achtjähriges Bürschlein, nach
Hause kehrte, in zerkratzten Händen das ausgenommene
›Eichkatzl‹, die junge Nebelkrähe oder den
flatternden, kaum flüggen Kuckuck schwingend, so galt der erste
Blick meiner guten Mutter durchaus nicht dem erbeuteten Getier;
forschend überflog vielmehr ihr Auge die Ellbogen meines
Jöppchens und die Knie- und Sitzgegend meiner Unaussprechlichen.
Weh mir, wenn da zutage kam, daß die allzu spitzen
Aststümpchen oder die Pechnarben der erkletterten Tanne dem
teueren Buckskin ein Leids getan. Heute noch seh ich sie vor mir, die
gefürchtete, langriemige Peitsche mit dem Rehfußgriff, die
zu unbenutzten Zeiten im Hausflur zwischen Gewehren und
Rucksäcken am Zapfenbrett hing. Wurde sie dann, was
glücklicherweise nicht allzu häufig geschah, durch die Hand
ihres gestrengen Herrn vom Haken gelöst, so verkrochen wir uns in
alle Winkel, ich, Hektor, der hochstämmige Schweißhund, und
Bursch, der krummbeinige Teckel. Jenen allzunahen Bäumen
bin ich aber deshalb doch niemals gram geworden. Und heut noch gedenk
ich ihrer in dankbarer Liebe. Strömte doch das geheimnisvolle
Leben, das zwischen ihren weitgespannten Ästen und in ihrem


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