Das Schweigen im Walde - Ludwig Ganghofer - Страница 1 из 450


»Wer nur das Wirkliche gelten läßt, an der Sehnsucht
nach dem Unmöglichen keine Freude findet und nie eine Minute
übrig hat, um sie an einen schönen Traum zu verschwenden
– wie arm ist der!« Erstes Kapitel Man
hörte noch den Lärm des Dorfes, den all verschwommener
Stimmen und das Geläut einer Kirchenglocke, die zur
sonntäglichen Vesper rief. Dann verschwanden die letzten
Häuser hinter Büschen und Bäumen. Entlang dem
zerrissenen Ufer eines Wildbaches ging's eine Weile an Bergwiesen und
zerstreuten Feldgehölzen vorüber, und sacht begann das
schmale Sträßlein zu steigen. Während die Kutsche mit
langsamer Fahrt in den von Sonnenglanz umwobenen Hochwald einlenkte,
klang vom Dorfe her noch ein letzter Glockenton, als möchte das
im Tal versinkende Treiben der Menschen Abschied von dem einsamen
Manne nehmen, der sich aus dem Wirbel des Lebens in die abgeschiedene
Stille der Berge flüchtete. Die Straße stieg in immer
dichteren Wald hinein. Der klomm zur Rechten gegen die Hochalmen
empor, zur Linken senkte er sich in eine Schlucht, aus deren Tiefe
sich die Stimme des Wildbaches nur wie leises Murmeln vernehmen
ließ. Unter den Bäumen war Stille, als wollte der Wald nach
der drückenden Hitze des Julitages schon lange vor Abend in
Schlummer sinken. Man hörte nur den müden Hufschlag und das
Räderknirschen im groben Kies der Straße. Vor die
schwerfällige Landkutsche waren zwei Maultiere gespannt. Sie


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