Der Dorfapostel - Ludwig Ganghofer - Страница 1 из 409


Erstes Kapitel Helle Mittagssonne überflimmerte die
beschneiten Berge und das weiße Tal. Kaum ein Schatten in der
Landschaft; alles in stille, leuchtende Sonne getaucht. Und alles
weiß. Man sah von den Dächern keines; sie unterschieden
sich im Schnee nicht mehr von den getünchten Mauern der
Häuser und von der weißen Erde. Man sah den Kirchturm
nicht; er war im Weiß verschwunden; nur die runden Luken seiner
Glockenstube hingen wie große dunkle Augen in der Luft, und sein
grünes, spitz aufgezogenes Dach, auf dessen steilen Kupferplatten
der Schnee nicht haften konnte, schien unter dem Himmel zu schweben,
als wär's die sichtbare Haube eines Riesen, der unsichtbar
inmitten des weißen Tales stand. Wie kalt die Nächte
noch immer waren, das sah man an den großgeblätterten
Kristallen, die überall im Nachtfrost aus der Schneedecke
hervorgeblüht waren, als hätte auch der eisige Winter seine
Blumen. Die glitzerten mit kaltem Schimmer über allem Grund; doch
in den reinen, stillen Lüften, deren blaue Wunderglocke sich
wolkenlos über die weißen Berge spannte, und in der linden
Sonne der Mittagsstunden spürte man schon eine leise Ahnung des
Frühlings, welcher kommen wollte. Manchmal fielen kleine
Schneeklumpen von den Bäumen nieder, immer wieder klang das den
Bach bedeckende Eis, und an den verschneiten Hecken flogen die
winzigen Schopfmeisen aus und ein. »Die merken halt auch


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