Der hohe Schein - Ludwig Ganghofer - Страница 1 из 668


1 Der Tag begann. Schon hatte der Himmel mattes Licht,
in dem die erlöschenden Sterne nur noch wie Nadelspitzen sichtbar
waren. In der Tiefe des langgestreckten, von Osten nach Westen
ziehenden Tales lag noch die Nacht mit schwarzen Wäldern, und
über den Bergen, die das Tal auf beiden Seiten geleiteten, hing
noch die Dämmerung, deren Schleier alle Felsen in ein stilles
Grau verschwimmen ließ. Dieses gleiche Grau lag über
dem weiten Almfeld der isolierten Bergmasse, die das lange Tal gegen
Osten mit steinernem Riegel schloß, von den seitlichen Bergen
durch enge Waldschluchten geschieden. Mit dunklen Wellen hob sich
das hügelige Almfeld gegen die Steinwände des Berges, der
als steile Pyramide aus finsteren Wäldern stieg. Dieser Berg im
Dämmerdunkel des Morgens sah anders aus als die anderen Berge. Er
hob sich wie ein Geheimnis in die Lüfte, tiefschwarz, mit
bläulichem Schimmer in dieser Schwärzte. Über den
Wipfelkämmen, die an seinen Flanken hinaufkletterten, hatte der
Himmel roten Schein, und flimmernde Glutlinien umzogen das dunkle
Haupt des Berges. Im Gezweig einer alten Fichte, die sich schwarz
inmitten des grauen Almfeldes erhob, begann eine Ringdrossel leise zu
zwitschern. Das war eine schüchterne Frage: »Tag, du
schöner, kommst du nun bald?« Ein Laut, als hätte eine
Tür gegen hölzerne Balken geschlagen. Hochwild, das
äsend über das Almfeld gezogen, wurde flüchtig. Nahe


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