Der laufende Berg - Ludwig Ganghofer - Страница 1 из 318


gaukelten durch die stille Luft; langsamen Fluges kamen sie aus dem
Tal heraufgezogen, in dessen sonniger Tiefe das Dorf mit seiner Kirche
und den hundert Häusern gleich einem weitschichtig ausgekramten
Spielzeug zwischen den herbstlich gefärbten Berghängen lag.
Der vergoldete Knauf des Kirchturmes strahlte in hellem Feuer, die
alten Schindeldächer schillerten wie silbergrauer Samt, und auf
den neuen Häusern leuchteten die frischen Ziegel wie Metall in
der Rotglut. Die welkenden Obstbäume waren anzusehen, als
trügen sie keine Blätter mehr, nur eine Menge kleiner,
rotwangiger Früchte. Und Buche und Ahorn spielten zwischen
brennendem Gelb und tiefem Purpur. Das gegen Süden blickende
Berggehänge war von der Morgensonne übergössen, das
jenseitige noch von blauem Frühschatten umwoben, und über
den Felswänden hoben sich die vom ersten Schnee überhauchten
Zinnen mit feinen Silberlinien in das wolkenlose Blau des Himmels. Wie
im Märchen die Gestalt der guten Fee von einem Zauberschleier
umflossen ist, so war dieses farbenschöne Bild der Landschaft
übersponnen von Flimmern und Geglitzer; das ging von den
fliegenden Fäden aus, die zu Tausenden die Luft durchgaukelten;
bald waren es nur winzige Dinger, die einem schwebenden Funken
glichen, bald wieder lange Fadenschlangen, welche stiegen und sanken,
sich spielend rollten, Schlingen bildeten und sich langsam wieder
streckten. Alle Hecken und Gesträuche waren überzogen von


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