Das Montags-Kränzchen - Luise Glass - Страница 1 из 433


Erstes Kapitel. Zukunftsträume. Die Selekta der
höheren Töchterschule hatte Zwischenstunde. Die Lehrer waren
mit den »Kindern« beschäftigt und die jungen
Mädchen durften in dem großen, schönen Musiksaal, in
den alle Klassentüren mündeten, zusammensitzen und
Handarbeiten machen. Nur von Zeit zu Zeit steckte Fräulein Werder
ihren Kopf aus der »Fünften«, in der nach Kommando
Ferse gestrickt wurden, um nachzusehen, ob eine der Selektanerinnen
ihres Rates bedürfe; dann verstummte das Flüstern der jungen
Mädchen, und sie arbeiteten mit doppeltem Eifer; sowie aber
Fräulein Werders Kommandostimme drinnen aufs neue erschallte,
begann auch draußen wieder das Plaudern. Die neun frischen
Mädchen, alle nur Monate im Alter voneinander verschieden,
besuchten seit ihrer Einsegnung zusammen die Selekta; das war nun bald
ein Jahr und immer näher kam die wunderbare Zeit, wo sie der
Schule für immer den Rücken kehren sollten. Acht Tage noch!
Selbst diese ungebundene Zwischenstunde, die eigentlich genau so
hübsch war wie eine Handarbeitsgesellschaft, wurde in dem
übermächtigen Lichte der künftigen Freiheit nicht mehr
geschätzt. »Gott sei Dank,« sagte Melanie
Schönbach mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung,
»über acht Tage bin ich endlich eine junge Dame.«
»Das heißt, wenn du nicht mehr aus der Tasche
naschest,« klappte schnell ein übereifriges Züngelchen


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