Das Buch der Liebe - Marie Eugenie Delle Grazie - Страница 1 из 352


  1916   Verlag Ullstein & Co,
Berlin/Wien Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
vorbehalten. Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co,
Berlin.
Mit zartem Griff nahm sie eine der Rosen, die er ihr gebracht, aus
dem Glas. Die Rose war tiefrot, gegen die Mitte des Kelches zu fast
schwarz, und ein heißer Duft strömte ihr daraus entgegen.
Ein Duft, der süß war und doch auch wieder herb. Es
war der letzte Tag vor ihrer Hochzeit. Draußen verdämmerte
ein schwüler Juliabend. Fernes Wettergeleucht umzuckte den
Horizont, und die Stadt lag wie in einem violetten Nebel, der immer
dichter wurde, immer schwerer, daß einzelne Konturen dahinter
verschwanden, andere fast ungeheuerliche Formen anzunehmen schienen.
Während die Menschen in eine Dämmerung hineinschritten, die
trostlos war und doch zugleich auch etwas geheimnisvoll Lockendes
hatte. Wie das Gewitter, das dahinter stand und den Tod bringen
konnte, oder die Schauer einer unsäglichen Erquickung. Und
morgen war ihr Hochzeitstag ... Mit zitternder Hand setzte sie
die Rose in das Glas zurück. Süß und herb war ihr
Duft, strömte es auch aus ihrer Seele, wie sie dastand
und in Gedanken sich hingab. Noch Jungfrau und doch schon das geweckte
Weib. Denn sie liebte ihn, der morgen ihr Gatte werden sollte, und in
ihren Pulsen fieberte schon etwas von dem heißen Atem der Nacht,


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