Krähwinkel - Rudolf (Heinrich) Greinz - Страница 1 из 224


Rudolf Greinz     Leipzig
Verlag von L. Staackmann
1918     Der Hahn im Korb
Daß sein Erscheinen in der kleinen Stadt Aufsehen erregen
würde, das hatte sich der Hans Stampfl wohl gedacht. Zu welchem
Aufruhr es aber führen würde, das hatte er sich doch nicht
vorstellen können. Er hatte nie viel bedeutet im
Städtchen, der Stampfl Hans. Man wußte, daß er alles,
was er gelernt hatte, und alles, was er war, seinem Paten verdankte,
dem angesehenen Apotheker Ignaz Marsoner. Als fünftes Rad am
Wagen war er im Hause aufgewachsen, halb Diener, halb Verwandter.
Der Apotheker hatte sich nie darüber geäußert, in
welchem Verwandtschaftsgrad der Hans eigentlich zu ihm stand. Wenn man
den Herrn Marsoner darum frug, winkte er halb gnädig, halb
ärgerlich ab und meinte in sehr vornehmem Ton: »Von der
hundertsten Suppen ein Schnittlauch! Ich weiß selber nicht, wie
ich zu der Verwandtschaft komm'.« Die starke Betonung des
»der« hatte etwas 10 unsagbar Herablassendes in dem Munde
des Herrn Marsoner. Und es trug auch dazu bei, daß man sich im
Städtchen daran gewöhnte, den Stampfl Hans mit einer Art
nachsichtigen Mitleides zu behandeln. Der Stampfl Hans, wie man
ihn allgemein nannte, war auch in seiner äußeren
Erscheinung gar nicht anziehend oder schneidig. Ein schüchterner
semmelblonder Jüngling, der wie ein junges Mädchen leicht zu


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