Heinrich von Kleist. Ein Bild seines Lebens und Wirkens. - Rudolf Genée - Страница 1 из 88


seines Lebens und Wirkens. Heinrich von Kleist steht unter
den Geistesarbeitern der deutschen Nation nicht unbestritten in der
Reihe unserer ersten und als klassisch anerkannten Dichter und Denker.
Trotz seiner außerordentlichen dichterischen Kraft steht er
dennoch in der Totalität seiner Erscheinung nicht ebenbürtig
neben Lessing, Herder, Goethe oder Schiller, sondern er nimmt nach
diesen seinen ganz besondern Platz ein, als der weitaus
grüßte, aber auch unglücklichste der Romantiker. Auch
nach seinem Tode hat es noch lange gedauert, bis er in unserer
Literatur zu der in neuerer Zeit ihm zuerkannten Bedeutung gelangt
ist. Solche Erscheinungen haben stets ihren Grund in der dichterischen
Persönlichkeit und in deren Schöpfungen selbst, und man
braucht deshalb die Mitlebenden des Dichters nicht anzuklagen,
daß sie ihn ungewürdigt gelassen hätten. Wenn man sich
gegenwärtig in gesteigertem Maße und mit gesteigerter
Anerkennung seiner ungewöhnlichen dichterischen Bedeutung
zuwendet, so ist dies aus verschiedenen Ursachen zu erklären.
Erstens Pflegt die Nachwelt einen besonderen Eifer daran zu setzen,
das wieder gut zu machen und das reichlichst zu gewähren, was die
Mitwelt dem Dichter versagte, und nicht selten geht sie dabei
ebensosehr über die Grenzen der Bewunderung hinaus, wie man
vordem hinter dem ihm zukommenden Maße der Anerkennung
zurückgeblieben war. Bei Kleist aber ist es außerdem neben


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