Das hölzerne Bein - Salomon Geßner - Страница 1 из 5


wo der Rautibach ins Thal rauschet, weidete ein junger Hirte seine
Ziegen. Seine Querpfeife rief den siebenfachen Wiederhall aus den
Felsklüften, und tönte munter durchs Thal hin. Da sah er
einen Mann von der Seite des Gebirges heraufkommen, alt und von
silbergrauem Haar; und der Mann, langsam an seinem Stabe gehend, denn
eines seiner Beine war von Holz, trat zu ihm, und setzte sich an
seiner Seite auf ein Felsenstück. Der junge Hirte sah ihn
erstaunt an und blickt' auf sein hingestrecktes hölzernes Bein.
Kind, sagte der Alte mit Lachen, gewiß du denkst, mit so einem
Beine blieb ich wohl unten im Thal? Diese Reise aus dem Thal mach' ich
alle Jahr einmal. Dieses Bein, so wie du es da siehst, ist mir
ehrenhafter als Manchem seine zwei guten; das sollst du wissen.
Ehrenhaft, mein Vater, mag es sein, erwiederte der Hirte; doch ich
wette, die andern sind bequemer. Aber müde mußt du doch
sein. Willst du, so geb' ich dir einen frischen Trunk aus jener
Quelle, die dort am Felsen rieselt. Der Alte. Du bist ein
guter Knabe; ein Trunk frisches Wasser wird mich erquicken. Gehst du
und holest ihn, so erzähl' ich dir dann die Geschichte von meinem
hölzernen Beine. – Der junge Hirt lief, und schnell bracht'
er einen frischen Trunk aus der Quelle zurück. Der Greis
hatte sich erquickt. Daß mancher eurer Väter, so sprach er,
voll Narben und zerstümmelt ist, das sollt ihr Gott und ihnen
danken, ihr Jungen. Muthlos würdet ihr den Kopf hängen,


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