Der erste Schiffer - Salomon Geßner - Страница 1 из 33


Gesængen
Erster Gesang. MAnch Kummer-volles Jahr war schon
vorybergegangen, seit jener schreklichen Nacht, da Mylons Hytte auf
ihrem kleinen Vorgebyrge durch die wylende Fluth weit von dem vesten
Lande getrennt war; zwischen dem vesten Land und ihrer Wohnung hatte
das Meer die vereinenden Fluren verschlungen. Auf einsamer Insel stand
ihre Wohnung, von jenen Ufern so ferne, daß sie bey sanftester
Stille des Himmels und des Meeres das lauteste Bryllen der Herden am
blauen Ufer nicht hœrten; von allen Freuden entfernt, die
nachbarliche Liebe und gefællige Freundschaft ihnen ehdem
gewæhrten. Semira hatte lange schon ihren Geliebten begraben,
und in trauriger Einsamkeit lebte sie da mit ihrer Tochter, und keine
Gesellschaft versyßte ihre Stunden, es seyen denn die
Vœgel des Himmels und ihre kleine Herde. Melida, ihre
Tochter, wuchs, von keinem Jyngling bewundert, in blyhender
Schœnheit; bey frohen Spielen und beym Reihen-Tanz wære
sie unter den Schœnen immer die Schœnste gewesen;
anmuthiger als der junge Pfirsich-Baum, wenn er zum ersten mal mit
schœnen Blythen prangt. Semira, aus zærtlicher Sorge,
die Einsamkeit ihrer Tochter nicht mit bitterm Kummer zu quælen,
nicht mit Begierden nach Freuden, denen jeder Zugang verwehrt war,
verhælt' ihr jede gesellschaftliche Freude, die Freuden, die
dort am Ufer auf jeder Flur in jedem Schatten sich umarmen; aber jeden
Tag gieng sie hin, bey Mylons Grab eine traurige Stunde zu verweinen.


-10     пред. Страница 1 из 33 след.     +10