Der Vorleser der Kaiserin - Stefan Großmann - Страница 1 из 95


Großmann     Verlag Fritz Gurlitt,
Berlin
1918     Der Vorleser der
Kaiserin Die Kaiserin war dem schönen alten Herrn auf dem
Waldweg zwischen Weißenbach und Ischl begegnet. Er ging in einem
weißen Anzug, barhaupt, ganz langsam, den Kopf gesenkt. Als die
Kaiserin mit ihrer Begleiterin vorüberkam, blickte er auf, zerrte
den zusammengeknüllten Panamahut aus der Tasche und
grüßte mit verehrungsvollem Schwung. Jetzt sah die Kaiserin
sein bartloses, mageres Gesicht. »Er hat ja beinah ein
Beethovengesicht,« sagte Majestät, »wie alt ist er
denn?« »Einundfünfzig,« erwiderte die
Gräfin Hoheneck, die alles weiß.
»Merkwürdig, und sein Haar ist schon ganz weiß. Aber
das steht ihm. Man denkt, der hat alle Leiden der Erde
mitgemacht.« Am Tage darauf wurde Professor Laurenz Maier
ins kaiserliche Schloß befohlen. Die Kaiserin stand beim
Fenster, als er auf der Straße herankam: »Wie ruhig er
geht, und wie 10 klein er ist. Oder ist es seine Zartheit, die ihn so
klein macht? Der schmale Körper schlottert in den weiten
Kleidern.« Als die Kaiserin ihn sprechen hörte,
versteckte sie das Gesicht hinter ihrem großen Fächer. Er
sprach ganz leise, aber seine Stimme war getränkt in einem
metallischen Ton. Ihre eigene Stimme kam ihr heiser und trocken und
grau vor neben dieser Geigenstimme. Endlich faßte sie sich und
fragte: »Was treiben Sie eigentlich, Herr Professor?«


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