Die Partei - Stefan Großmann - Страница 1 из 348


    1919
Verlag Ullstein und Co, Berlin-Wien    
Erster Teil Erstes Kapitel Verachtet mir die
Glockengasse nicht! Ich weiß wohl, es ist eine trübe,
freudlose Gasse, in ganz Wien ist keine, die sich so quälend ins
Gemüt und in die Träume legt. Wenn sie noch eine
rechtschaffene schwarze, kasernenhohe Proletariergasse wäre! Aber
es ist die Gasse der Gecken der Armut, der Modedamen der Powerte. Hier
wohnen Hausierer, deren Töchter heimlich Kreuzer auf Kreuzer
legen, um drei Tage in einem protzigen Sommerbad, als
»Reiche« verkleidet, zubringen zu können, hier wohnen
abgemagerte Beamte mit fünf oder sechs grünbleichen Kindern,
die aber Sonntags Matrosenanzüge mit großen weißen
Kragen tragen müssen, hier wohnen im ersten Stock Börsianer,
die zwei Winter lang reich sind und den armen Verwandten um die Ecke
zeigen wollen, daß sie jetzt eine Französin zu den Kindern
halten und ihnen Raketts und Tennisbälle geben, mit denen die
Töchter ausgehen, obwohl es weit und breit kein Stückchen
Rasen gibt. Hier wird vor den offenen Läden halbfaules Obst, von
Staub und Großstadtschmutz geschwärzt, auf die Gasse
gebreitet, für sehnsüchtig greifende Kinder. Dies alles ist
aber noch nicht das eigentliche Leben dieser Gasse. Das wagt sich erst
am Abend hervor, wenn die Bürger schon um die verschnörkelte
8 Petroleumlampe sitzen, dann kriecht es aus hundert kleinen Toren


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