Jetta - Adolf Hausrath - Страница 1 из 573


erzählen wollen, sind über anderthalb Jahrtausende
verflossen. Neckar und Rhein hießen damals Nicer und Rhenus. Dem
Nicer war soeben schwere Unbill widerfahren; Kaiser Valentinianus
beschuldigte den alamannischen Strom, daß er mit seinem
gewaltigen Wellenschlage die Fundamente des römischen Bollwerks
vor Alta RipaAltrip bei Mannheim. unterwasche. Darum hatte er ihn aus
seinem alten Bette geworfen und ihm ein neues gegraben. Nicht wo er
gewohnt war, sondern wo der Alleinherrscher es gebot, mußte
Nicer fließen. Wie wird der bärtige Rhenus mit dem
schilfbekränzten Haupte sich gewundert haben, als sein Genosse an
der gewohnten Stelle plötzlich ausblieb, um dann an ganz anderem
Platze seine dunkelgrüne Welle mit den blaßgrünen
Wogen des größeren Stromes zu vereinigen. Im Winter und
Frühjahr, wenn Hochwasser eintrat, schwoll dem kleinen
Flußgott freilich gewaltig der Kamm. Im Sommer aber verrieth der
Strom, der das am meisten idyllische Thal Germaniens durchzog, keine
dieser Launen. Aus tausend schimmernden Augen glänzend zog er
friedlich zwischen großen Granitblöcken und gelben
Sandbänken dahin und spiegelte an ruhigeren Stellen, gleich der
glatten Fläche eines Sees, das stille Bild der Berge und
Wälder wieder. An seinem Thalausgange thronte zur Linken der
bewaldete Mons Valentiniani mit dem römischen Wartthurm, zur
Rechten der Mons Piri, nach dem wilden Birnbaum so genannt, der
weithin sichtbar den kahlen Rücken krönte. Zwischen diesen


-10     пред. Страница 1 из 573 след.     +10