Über den Ursprung des Übels - Albrecht von Haller - Страница 1 из 28


Erstes Buch 1734 Dieses Gedicht habe ich allemal mit einer
vorzüglichen Liebe angesehen. Die mir wohl bekannte Rauhigkeit
einiger Stellen entschuldigte ich mit der moralischen
Unmöglichkeit, gewisse Vorwürfe zugleich stark und dennoch
angenehm zu malen. Die lange Mühe, die ich daran gewandt und die
über ein Jahr gedauret hat, vermehrte meine Liebe, indem uns
ordentlich alles lieber ist, was uns teurer zu stehen kömmt. Ich
unterzog mich dieser Arbeit aus Hochachtung für einen Freund, der
die Früchte seiner reifen Tugend schon längst in der
Ewigkeit genießt. Das Ende gefiel ihm am wenigsten. Er sah es
für zu kurz, zu abgebrochen und zu unvollständig an. Es
können in der Tat noch beßre Ursachen für die
Mängel der Welt gesagt werden. Aber ein Dichter ist kein
Weltweiser, er malt und rührt und erweiset nicht. Ich habe also
dieses Gedicht unverändert beibehalten, ob ich wohl bei gewissen
Stellen hätte wünschen mögen, daß ich die
nämlichen Dinge deutlicher und fließender hätte sagen
können. Jetzt da mir die nahe Ewigkeit alles in einem ernsthaften
Lichte zeigt, finde ich, die Mittel seien unverantwortlich
verschwiegen worden, die Gott zum Wiederherstellen der Seelen
angewendt hat, die Menschwerdung Christi, sein Leiden, die aus der
Ewigkeit uns verkündigte Wahrheit, sein Genugtun für unsre
Sünden, das uns den Zutritt zu der Begnadigung eröffnet,
alles hätte gesagt werden sollen. Ich könnte wohl zur


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