Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde - Alfred Henschke - Страница 1 из 120


Urzeit Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder
philosophische noch philologische Absichten. Sie ist nichts als der
Versuch einer kurzen, volkstümlichen, lebendigen Darstellung der
deutschen Dichtung. Die Dichtung eines Volkes beruht auf dem
Eigentümlichsten, was ein Volk haben kann: seiner Sprache. In
diesem Sinne wird und soll sie immer »völkisch« sein.
Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der tief in der
deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone aber den allgemeinen
Himmel tragen hilft. Es gibt eine deutsche Erde. Der Himmel ist allen
Völkern gemeinsam. Blüten vom Baum der deutschen
Dichtung mögen vom Wind da- und dorthin getragen werden. Zu
Früchten reifen werden nur die, die am Baum bleiben. Sie werden
im Herbst geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird ein ganzes
Volk sich an ihnen erquicken. * Jener germanische
Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wotans
niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag,
in halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich
erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren
Rhythmen sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste
deutsche Dichter. Wie eine Blüte brach ihm das Herz in einer
Nacht auf, daß es der Sonne entgegenglühte, eine
Schwestersonne. Daß er dem Sonnengott sich als geringerer
Brudergott verwandt fühlte, daß er Worte fand wie nie


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