Die Krankheit - Alfred Henschke - Страница 1 из 43


1916 Sybil Smolowa zu eigen I »Sie sind also nur
deshalb hierhergekommen, um zu sterben?« sagte der junge
Deutsche und lief, die Hände in den unteren Taschen seiner
kamelhaarbraunen Sportweste, aufgeregt und hustend durch den
Zigarettenqualm. »Weshalb sonst?« sagte Sybil, die
rauchend auf dem Bett lag, schlank und blond. »Scharmant,
scharmant«, wisperte der kleine Japaner, der oben im Sanatorium
Beaurivage Assistentendienste versah, und hielt ein blaues Speiglas,
auf dem eine sonderbare Tabelle angebracht war, gegen das Licht.
»Zehn Kubikzentimeter Auswurf«, lächelte er, von
irgendeiner inneren Fröhlichkeit betroffen. Er sprach
fließend Deutsch und fließend Portugiesisch und gab sich
zuweilen, wenn es nötig schien, als Portugiese aus. Er unterhielt
geheime Beziehungen zu dem Dienstmädchen des portugiesischen
Konsuls. Das war eine dicke Schwyzerin aus Bern, die wie geknetet
aussah. An Stelle einer Kuhglocke trug sie eine Doublémedaille
um den fettigen Hals, die das Bild des kleinen Japaners – in
seiner seidenen und faltenreichen Nationaltracht – in sich
verbarg. »Ich habe früher nur dunkle Frauen
geliebt,« sagte der junge Deutsche und sah durch die
Balkontür in den stürmenden Schnee, »Frauen mit
schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Als ich selber noch im Dunkeln
tappte mit meinen neunzehn, zwanzig Jahren. Dann wurde es licht in
mir. Ich liebte eine Frau mit braunen Haaren und Hirschaugen. Dann


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