Franziskus - Alfred Henschke - Страница 1 из 63


für Johanna und Fredy Kaufmann Es ist so
süß, krank zu sein, wenn draußen der sanfte Schnee
fällt und der Winterwind wie ein verfrorener Bäckerjunge
durch die Straßen trabt. Eine holde Müdigkeit in den
Kniegelenken sitzt man, fröhlich hüstelnd und heiter
fröstelnd, im Lehnstuhl. Während das Wasser in der
Teemaschine summt, und das Mädchen mit einer Schale leichtem
Backwerk vorsichtig das Zimmer betritt, fällt jede Vorstellung
und Verstellung von Pflicht oder Zweck des Lebens bedingungslos von
einem ab. Man hat nichts anderes zu tun, als krank zu sein. Alle
Gefühle lösen sich in leichte Schmerzen auf, die grade so
weh tun, daß man noch weiß, es sind Schmerzen. Um
fünf Uhr nachmittags, wenn es dämmert, beginnt das Fieber.
In rosa Wolken verflattert die Dämmerung und die Nacht geht auf
wie die Sonne: purpurrot. Der Arzt, der ein guter Freund von mir ist,
kommt um halb sieben. Ja, etwas Festes würde ich noch nicht
essen. Vor allem keine Fleischkost. Aber wie wäre es mit
Rosenkohl und Kastanienmus? Wir haben ja sowieso einen fleischlosen
Tag. Der Arzt weiß, was mir schmeckt, denn er ist mein
Freund. Übrigens ist er selber krank, trotzdem er Arzt
heißt. Er hat dieselbe Krankheit wie ich. Und da wir unsere
Krankheit – o wie gut! – kennen, spielen wir manchmal mit
ihr. So lange sie sichs gefallen läßt. Denn sie ist nur im
Sommer und Winter gutartig. Im Frühling aber und Herbst, im


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