Adela Bourkes Begegnung - Arthur Holitscher - Страница 1 из 467


    1920
S. Fischer / Verlag / Berlin    
»Hier unten ist Licht, darüber Dunkelheit. Wir schauen ins
Licht nur, um dann oben im Dunklen die wirklichen Dinge zu erblicken.
Wir sehen im Dunklen aber nur, wenn unsere Augen vom Licht voll
sind.«     Von ferne her, die
Häuserreihe des stillen Platzes entlang, kam ein Gefährt
gehumpelt: eine bunt bemalt Kiste auf ungleichen Rädern. Dem Weib
mit grellen Röcken und flachem weißen Deckel auf dem Kopf,
das es vor sich hinschob, folgte eine kleine Schar absonderlich und
schäbig gekleideter Menschen. Vor dem schmalen, drei Stockwerke
hohen Haus mit blanken Fenstern im gelb gestrichenen Gemäuer
hielt die Karawane. Ein Mann in kurzem schottischen Röckchen,
Ziegenfellschurz, abgeschabtem Spenzer, Hahnenfeder auf der Kappe,
stemmte die Arme in die Hüften. Ihm gegenüber pflanzte sich
eine Frau auf, genau so gekleidet wie der Mann, nur mit etwas
längerem, gefälteltem Rock, Zeisigfeder auf der Kappe, einer
Brosche mit dickem Topas auf dem eingesunkenen Busen. Vier kleine
Mädchen, elend und mager, in klaffenden Schuhen und zottigem
Haar, setzten sich müde wie Straßensperlinge auf den
Trottoirrand nieder und warteten, verprügelt und ergeben, auf
ihre Nummer. Die Frau mit dem weißen Deckel auf dem Kopf,
große Ohrringe schaukelten um ihr schwarzes italienisches
Gesicht, machte sich an der Kiste zu schaffen, holte mit


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